Death by PowerPoint – wenn Folien mehr wissen als der Trainer

Warum Schriftgröße 8 kein didaktisches Konzept ist

Der Trainer öffnet die erste Folie – und sofort ist klar: Das wird anstrengend.

Sechs Absätze Text, eine Tabelle, ein Diagramm, mehrere Bilder und eine Quellenangabe kämpfen gleichzeitig um Aufmerksamkeit. Dann fällt der bekannte Satz:

„Sie müssen das jetzt nicht alles lesen.“

Doch warum steht es dann auf der Folie?

Gerade in Produkt-, Kunden- und Techniktrainings entstehen häufig sehr umfangreiche Präsentationen. Trainerinnen und Trainer möchten fachlich vollständig sein, nichts vergessen und alle wichtigen Informationen absichern.

Das Ergebnis: Auf den Folien steht zwar fast alles – gelernt wird deshalb aber noch lange nicht alles.

Warum technische Präsentationen häufig überladen sind

Volle Folien entstehen meistens nicht aus mangelnder Sorgfalt. Häufig ist sogar das Gegenteil der Fall.

Fachexpertinnen und Fachexperten verfügen über umfangreiches Wissen zu Produkten, Prozessen, Sicherheitsvorgaben, Normen, Funktionen und möglichen Fehlerquellen. Aus ihrer Sicht sind viele dieser Informationen wichtig.

Auf die Frage:

„Was müssen die Teilnehmenden wirklich wissen?“

lautet die spontane Antwort deshalb häufig:

„Eigentlich alles.“

Genau hier beginnt die didaktische Herausforderung. Ein Training kann niemals sämtliches Fachwissen gleichzeitig vermitteln. Inhalte müssen ausgewählt, priorisiert und auf die jeweilige Zielgruppe abgestimmt werden.

Wer diese Entscheidung vermeidet, packt häufig einfach möglichst viele Informationen auf die Folien.

Doch Vollständigkeit ist nicht automatisch Verständlichkeit.

Wenn die Präsentation das Training übernimmt

Problematisch wird es, wenn die Präsentation nicht mehr das Training unterstützt, sondern dessen Ablauf bestimmt.

Typische Anzeichen dafür sind:

  • Der Trainer schaut häufiger zur Leinwand als zu den Teilnehmenden.
  • Folientexte werden vollständig vorgelesen.
  • Fragen aus der Gruppe werden möglichst schnell beantwortet, damit der Folienplan eingehalten werden kann.
  • Übungen und Diskussionen werden gekürzt, weil noch zahlreiche Folien folgen.
  • Die Präsentation wird zum Manuskript oder Teleprompter.

Die zentrale Frage lautet dann nicht mehr:

„Was braucht die Lerngruppe gerade?“

Sondern:

„Wie komme ich noch durch meine restlichen Folien?“

Damit übernimmt PowerPoint die Steuerung des Trainings. Der Trainer wird zur Begleitstimme seiner Präsentation.

Eine Präsentation ist kein Handbuch

Viele Präsentationen sollen zwei Aufgaben gleichzeitig erfüllen:

  1. Sie sollen während des Trainings Orientierung geben.
  2. Sie sollen anschließend als vollständige Dokumentation dienen.

Das führt fast immer zu einem Zielkonflikt.

Eine gute Präsentationsfolie ist häufig reduziert. Sie zeigt eine zentrale Aussage, einen Prozess, ein Bild oder einige wenige Orientierungspunkte.

Eine gute Dokumentation benötigt dagegen mehr Hintergrundinformationen, Erläuterungen, technische Details und Nachschlagemöglichkeiten.

Deshalb sollten die Medien unterschiedliche Aufgaben übernehmen:

  • Präsentation: unterstützt Erklärung, Orientierung und Blickführung.
  • Handout: ermöglicht Nachlesen und Vertiefen.
  • Checkliste: unterstützt die Anwendung im Arbeitsalltag.
  • Technische Dokumentation: enthält vollständige Spezifikationen und Detailinformationen.
  • Arbeitsunterlage: begleitet Übungen und Transferaufgaben.

Wird alles in eine einzige PowerPoint-Präsentation gepackt, erfüllt sie häufig keine dieser Aufgaben wirklich gut.

Was auf eine gute technische Folie gehört

Eine gute Folie beginnt mit einer klaren Aussage.

Überschriften wie „Wartung“, „Sicherheit“, „Prozess“ oder „Produktübersicht“ benennen lediglich ein Thema. Sie sagen noch nicht, was die Teilnehmenden daraus mitnehmen sollen.

Aussagekräftiger sind beispielsweise:

  • Regelmäßige Wartung reduziert ungeplante Stillstände.
  • Diese drei Bedienfehler verursachen die meisten Störungen.
  • Die korrekte Einstellung verhindert Beschädigungen am Bauteil.
  • Vier Prozessschritte sichern eine gleichbleibende Qualität.

Bereits durch die Überschrift erkennen die Teilnehmenden, worauf sie achten sollen.

Anschließend wird geprüft, welche Darstellung diese Aussage am besten unterstützt. Das kann beispielsweise sein:

  • ein markiertes Originalfoto,
  • eine vereinfachte Prozessgrafik,
  • eine Explosionszeichnung,
  • ein Vorher-nachher-Vergleich,
  • eine kurze Tabelle,
  • eine schematische Darstellung,
  • ein Fehlerbild,
  • ein konkretes Praxisbeispiel.

Der Grundsatz lautet:

Eine Folie – eine zentrale Idee

Das bedeutet nicht, dass eine Folie nur ein Bild oder ein einziges Wort enthalten darf. Alle Elemente der Folie sollten jedoch dieselbe Kernaussage unterstützen.

Wenn Prozessdarstellung, Statistik, Kostenübersicht und technische Hinweise gleichzeitig gezeigt werden, konkurrieren die Inhalte um Aufmerksamkeit.

Spätestens wenn ein Trainer sagt:

„Die rote Linie können Sie heute ignorieren“

oder

„Die Tabelle ist nur der Vollständigkeit halber dabei“

enthält die Folie wahrscheinlich Informationen, die an dieser Stelle nicht benötigt werden.

Didaktische Reduktion bedeutet nicht fachliche Vereinfachung

Viele Fachexpertinnen und Fachexperten befürchten, dass reduzierte Folien technische Inhalte oberflächlich oder unvollständig darstellen.

Didaktische Reduktion bedeutet jedoch nicht, Inhalte falsch oder banal zu erklären. Sie bedeutet, zu entscheiden:

  • Welche Information wird zu welchem Zeitpunkt benötigt?
  • Welche Detailtiefe benötigt die Zielgruppe?
  • Welche Inhalte müssen sichtbar sein?
  • Welche Informationen können später ergänzt werden?
  • Was gehört in die Präsentation und was in die Dokumentation?

Ein Wartungsprozess mit 18 Einzelschritten muss nicht vollständig auf einer Folie erscheinen.

Sinnvoller ist häufig:

  1. zunächst die vier Hauptphasen zu zeigen,
  2. anschließend die einzelnen Schritte zu vertiefen,
  3. Sonderfälle separat zu behandeln,
  4. abschließend den Gesamtprozess wieder zusammenzuführen.

Der Inhalt bleibt fachlich vollständig, wird aber schrittweise verarbeitet.

Visualisierung oder Dekoration?

Mehr Bilder führen nicht automatisch zu einer besseren Präsentation.

Typische Symbolbilder – das Händeschütteln für Zusammenarbeit, die Glühbirne für Innovation oder die Puzzleteile für Teamarbeit – schaffen möglicherweise Atmosphäre. Sie erklären jedoch meistens keinen fachlichen Zusammenhang.

Eine didaktisch sinnvolle Visualisierung beantwortet mindestens eine konkrete Frage:

  • Wie funktioniert etwas?
  • Wo befindet sich eine Komponente?
  • Welche Reihenfolge ist einzuhalten?
  • Was unterscheidet zwei Varianten?
  • Wo entsteht ein Fehler?
  • Was verändert sich?
  • Worauf muss besonders geachtet werden?

Gerade in technischen Trainings sind Originalbilder aus der tatsächlichen Arbeitsumgebung besonders wertvoll.

Ein Foto allein ist allerdings noch keine Erklärung. Erst durch Markierungen, Vergrößerungen, Beschriftungen, Ausschnitte oder gezielte Fragen wird daraus ein Lernmedium.

Manchmal ist die beste Visualisierung außerdem keine PowerPoint-Folie, sondern:

  • ein reales Bauteil,
  • eine Maschine,
  • ein Demonstrationsobjekt,
  • eine Live-Anwendung,
  • ein kurzes Video,
  • eine Skizze am Whiteboard,
  • eine gemeinsam entwickelte Prozessdarstellung.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht:

„Welche Folie brauche ich?“

Sondern:

„Wie kann ich diesen Inhalt am verständlichsten vermitteln?“

Animationen gezielt einsetzen

Animationen können sinnvoll sein, wenn sie komplexe Informationen schrittweise sichtbar machen.

Beispielsweise können sie:

  • einzelne Prozessschritte nacheinander aufbauen,
  • Funktionsabläufe verdeutlichen,
  • Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zeigen,
  • den Blick auf bestimmte Komponenten lenken,
  • komplexe Abbildungen gezielt reduzieren.

Problematisch werden Animationen, wenn Texte einfliegen, Bilder rotieren oder Elemente blinken, ohne das Verständnis zu unterstützen.

Die Prüffrage lautet:

Hilft die Bewegung den Teilnehmenden dabei, den Inhalt besser zu verstehen?

Falls nicht, ist sie wahrscheinlich ein Showeffekt und kein didaktisches Element.

Wie KI bei Präsentationen unterstützen kann

KI-Anwendungen können heute innerhalb weniger Minuten komplette Präsentationen erzeugen – einschließlich Gliederung, Überschriften, Bildern, Stichpunkten und Sprechertexten.

Das spart Zeit. Es garantiert jedoch noch keine didaktische Qualität.

Eine allgemeine Aufforderung wie:

„Erstelle mir eine Schulung über Hydraulik“

führt häufig zu einer formal ordentlichen, aber austauschbaren Präsentation. Die konkrete Zielgruppe, das Produkt, typische Fehlerfälle und die tatsächlichen Lernziele bleiben oft unberücksichtigt.

Sinnvoller ist es, KI für klar abgegrenzte Arbeitsschritte einzusetzen.

Beispiele für geeignete KI-Aufgaben

  • „Welche fünf Kernbotschaften sind für Servicetechniker mit Grundkenntnissen besonders relevant?“
  • „Welche Inhalte gehören in die Präsentation und welche besser in ein Handout?“
  • „Formuliere aus diesem Absatz drei verständliche Kernaussagen.“
  • „Entwickle eine aussagekräftige Überschrift für diese Folie.“
  • „Wie kann dieser technische Prozess schrittweise visualisiert werden?“
  • „Welche Fragen aktivieren das Vorwissen der Teilnehmenden?“
  • „Passe diese Erklärung für Einsteiger an.“
  • „Erstelle eine kompakte Variante für Führungskräfte.“
  • „Entwickle ein realistisches Praxisbeispiel für den technischen Service.“

KI kann strukturieren, formulieren, Varianten entwickeln und Visualisierungsideen liefern.

Die fachliche und didaktische Prüfung bleibt jedoch Aufgabe des Trainers.

Wenn KI das PowerPoint-Problem verschärft

KI kann „Death by PowerPoint“ auch beschleunigen.

Früher dauerte es möglicherweise zwei Tage, 80 ungeeignete Folien zu erstellen. Heute ist dies innerhalb weniger Minuten möglich.

Die Folien wirken dabei häufig modern und professionell. Sie enthalten hochwertige Icons, sauber formulierte Überschriften und passende Layouts.

Trotzdem kann die Lernlogik fehlen.

Besonders kritisch sind:

  • allgemeine Aussagen ohne Praxisbezug,
  • austauschbare Symbolbilder,
  • erfundene oder ungenaue technische Informationen,
  • ungeprüfte Normen, Grenzwerte oder Sicherheitsangaben,
  • zu viele automatisch erzeugte Folien,
  • fehlende Übungen und Transferphasen,
  • eine fehlende Anpassung an die konkrete Lerngruppe.

Eine optisch überzeugende Präsentation ist nicht automatisch eine fachlich korrekte oder didaktisch wirksame Präsentation.

KI liefert Vorschläge. Die Verantwortung bleibt beim Menschen.

Eine gute Präsentation ist noch kein gutes Training

Auch die beste Folie erzeugt noch kein Lernen.

Lernen entsteht durch:

  • aktive Auseinandersetzung,
  • Anwendung,
  • eigenes Ausprobieren,
  • Fragen,
  • Austausch,
  • Feedback,
  • Reflexion,
  • Transfer in den Arbeitsalltag.

Gerade in technischen Trainings müssen Teilnehmende beispielsweise einen Fehler erkennen, einen Prozess anwenden, eine Einstellung vornehmen, eine Entscheidung treffen oder ein Kundengespräch führen.

Eine Präsentation kann darauf vorbereiten. Sie kann erklären, strukturieren und Orientierung geben.

Sie kann die Anwendung jedoch nicht ersetzen.

Deshalb sollte ein Trainingsablauf nicht nach der Anzahl der Folien geplant werden, sondern nach sinnvollen Lernphasen:

  1. Einstieg und Orientierung
  2. Vorwissen aktivieren
  3. kompakter fachlicher Input
  4. Anwendung oder Übung
  5. Austausch und Feedback
  6. Sicherung der Erkenntnisse
  7. Transfer in die Praxis

Die Folien ordnen sich diesen Phasen unter – nicht umgekehrt.

Der Foliencheck: fünf Fragen für Ihre nächste Präsentation

Nehmen Sie eine Präsentation, die Sie regelmäßig einsetzen, und prüfen Sie zunächst zehn Folien.

Stellen Sie sich bei jeder Folie diese fünf Fragen:

1. Was ist die zentrale Aussage?

Können Sie die Aussage nicht in einem kurzen Satz formulieren, ist die Folie wahrscheinlich noch nicht klar genug.

2. Was sollen die Teilnehmenden erkennen?

Entscheidend ist nicht, was Sie alles zeigen möchten, sondern was die Teilnehmenden an dieser Stelle benötigen.

3. Unterstützt die Darstellung das Verständnis?

Prüfen Sie, ob Bild, Grafik, Tabelle oder Animation tatsächlich etwas erklärt oder lediglich dekoriert.

4. Muss diese Information auf die Folie?

Möglicherweise gehört sie besser in ein Handout, eine Checkliste, die technische Dokumentation oder die Notizen des Trainers.

5. Was tun Sie als Trainer mit dieser Folie?

Erklären Sie einen Zusammenhang? Stellen Sie eine Frage? Lassen Sie etwas vergleichen? Bereiten Sie eine Übung vor?

Lautet die Antwort lediglich:

„Ich lese den Text vor“

sollte die Folie überarbeitet werden.

Unser Erfolgstipp

Prüfen Sie Ihre Präsentationen nicht nur auf Gestaltung und Vollständigkeit, sondern vor allem auf ihre Funktion im Lernprozess.

Eine gute Folie:

  • lenkt den Blick,
  • verdeutlicht eine zentrale Aussage,
  • reduziert Komplexität schrittweise,
  • unterstützt die Erklärung,
  • aktiviert die Teilnehmenden,
  • bereitet Anwendung und Transfer vor.

PowerPoint darf ein wertvolles Werkzeug sein. Es sollte jedoch niemals die Kommunikation, die Erfahrung und die Lernbegleitung durch den Trainer ersetzen.

Oder anders formuliert:

Die Präsentation darf viel können – sie sollte aber nicht mehr wissen als der Trainer.

Und Schriftgröße 8 bleibt weiterhin kein didaktisches Konzept.


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